Fragst du dich manchmal, warum du um dein „tägliches Brot“ beten sollst, obwohl der Supermarkt um die Ecke immer geöffnet und dein Kühlschrank gut gefüllt ist? Und hast du schon einmal erlebt, wie schwer es ist, einem Menschen zu vergeben, der dich tief verletzt hat – ohne dabei das Geschehene einfach unter den Teppich zu kehren?
In dieser Predigt nimmt uns Thomas Lange mit in den dritten Teil unserer Reihe zum bekanntesten Gebet der Christenheit. Wir schauen uns an, wie das Vaterunser unsere Wünsche ordnet, was alles zu unseren echten Grundbedürfnissen im Alltag gehört und warum eine klare Grenze zwischen Vergebung und Versöhnung dein Herz vor Bitterkeit schützt.
Erinnerst du dich noch an die vergangenen beiden Sonntage? Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht, das wohl bekannteste Gebet der Welt neu zu entdecken: das Vaterunser. Im ersten Teil unter dem Motto Beten kann man lernen haben wir gestaunt, was für ein riesiges Vorrecht und Geschenk es ist, dass wir den allmächtigen Schöpfer überhaupt als unseren „Vater im Himmel“ ansprechen dürfen. Dabei haben wir auch ganz ehrlich darauf geschaut, dass dieses Bild für manchen gar nicht so einfach ist. Denn oft projizieren wir die Erfahrungen mit unserem irdischen Vater auf Gott. Wenn dein eigener Vater vielleicht nie wirklich innerlich anwesend war oder dich schlecht behandelt hat, fällt dieser Zugang schwer. Aber wir durften lernen: Mit Gottes Hilfe kannst du diese Hürden überwinden, weil der Vater im Himmel ganz anders ist – absolut vertrauenswürdig und voller Fürsorge.
Im zweiten Teil über das Kommen von Gottes Reich haben wir uns dann die ersten drei der insgesamt sechs Bitten angeschaut: „Geheiligt werde dein Name“, „Dein Reich komme“ und „Dein Wille geschehe“. Wir haben gesehen, dass ein Gebet nach dem Muster Jesu zuerst den Blick nach oben richtet – auf Gottes Ehre, seine Größe und seine Herrschaft in unseren Herzen. Heute schlagen wir die Brücke vom Himmel direkt in unseren ganz normalen Alltag. Dazu lesen wir noch einmal den gesamten Text aus dem Lukasevangelium:
„Und es begab sich, dass er an einem Ort im Gebet war; und als er aufhörte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte! Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Gib uns täglich unser nötiges Brot; und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist; und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
(Lukas 11,1–4)
Ergänzend dazu kennen wir aus dem Matthäusevangelium noch den wunderbaren Abschluss, den wir regelmäßig mitbeten, weil er einfach dazugehört:
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
(aus Matthäus 6,13)
Zentrale Botschaft: Die Bitte um das tägliche Brot lehrt uns die gesunde Abhängigkeit von Gott für alles, was wir heute zum Leben brauchen, während die Bitte um Vergebung unsere Beziehung zu Gott klärt und unser eigenes Herz vor zerstörerischer Bitterkeit bewahrt.
Ein Schatz durch die Jahrhunderte: Stimmen aus der Kirchengeschichte
Bevor wir direkt in die vierte und fünfte Bitte eintauchen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Denn dieses Gebet ist nicht erst für uns heute oder für die jüngste Vergangenheit von Bedeutung. Es begann damals bei den zwölf Jüngern, die Jesus baten: „Herr, lehre uns beten!“, und zieht sich seitdem wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der Christenheit. Wenn wir frei beten, dann sprudeln unsere eigenen Worte so aus dem Herzen über die Lippen, wie es uns gerade bewegt – wir danken für den Tag und bringen unsere Anliegen. Doch wenn wir das Vaterunser beten, nutzen wir Worte, die zuallererst aus dem Mund des Sohnes Gottes selbst kamen.
Wie kostbar dieser Schatz ist, zeigen uns beeindruckende Zeugnisse von Glaubensmännern aus fast zwei Jahrtausenden:
- Tertullian (155–220 n. Chr.): Dieser frühe Kirchengelehrte schrieb bereits um das Jahr 180 in seinem Buch Über das Gebet (Kapitel 1), dass dieses Gebet das gesamte Evangelium bündelt:
„Ohne Übertreibung findet sich in diesem Gebet eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums.“ - Cyprian von Karthago (200–258 n. Chr.): Er machte deutlich, wie besonders es ist, mit den Worten Jesu vor den Vater zu treten:
„Es ist ein liebevolles und vertrautes Gebet, Gott mit seinen eigenen Worten anzurufen.“ - Augustinus (354–430 n. Chr.): Für ihn war das Vaterunser der Extrakt aller anderen Gebete. In seinem Brief Nr. 130 (Kapitel 12, Abschnitt 22) hielt er fest:
„Wenn du alle Worte der heiligen Gebete durchgehst, wirst du, so glaube ich, nichts finden, was nicht im Vaterunser enthalten ist.“ - Martin Luther (1483–1546): Der Reformator setzte dieses Gebet im Jahr 1535 ganz weit oben an:
„Es ist das allerbeste Gebet, auch besser als die Psalmen, die mir doch auch so lieb sind.“ - Johannes Calvin (1509–1564): Auch er betonte die Vollständigkeit dieser Worte:
„Alles, was wir von Gott erbitten sollen und tatsächlich erbitten können, ist in diesem Gebet enthalten, das unser guter Meister Jesus Christus uns als Regel und Form des Gebets gegeben hat.“ - James Packer (1926–2020): Ein Theologe aus der jüngeren Geschichte brachte den Aufbau des Gebets – erst Gottes Ehre, dann unsere Anliegen – ganz schlicht auf den Punkt:
„Das Vaterunser ordnet unsere Wünsche.“ - Timothy Keller (1950–2023): Der amerikanische Pastor erinnerte daran, worum es beim Beten im Kern geht:
„Das Ziel des Gebetes ist nicht, Gottes Willen unserem Willen anzupassen, sondern unseren Willen in Gottes Willen hineinzuschmelzen.“
Mit diesem tiefen Respekt vor der Fülle, die in diesen wenigen Versen steckt, wenden wir uns nun der vierten Bitte zu.
Die vierte Bitte: „Gib uns täglich unser nötiges Brot“
Nachdem wir in den ersten drei Bitten Gottes Ehre, sein Reich und seinen Willen in den Mittelpunkt gestellt haben, dürfen wir nun mit unseren eigenen Bedürfnissen zu ihm kommen. Doch wenn wir in der Schlachter 2000 lesen: „Gib uns täglich unser nötiges Brot“, stellt sich für uns im 21. Jahrhundert schnell eine Frage: Was hat das eigentlich noch mit unserer Lebensrealität zu tun? Unsere Kühlschränke sind voll, der Bäckerladen um die Ecke hat geöffnet und im Supermarkt herrscht kein Mangel.
Wenn wir diese Bitte jedoch genauer betrachten, merken wir schnell, dass der Blick hier weit über den gefüllten Teller oder das volle Glas hinausgeht.
Brot statt Torte: Was wir wirklich brauchen
Natürlich meint „Brot“ zunächst einmal ganz wörtlich unsere Nahrung. Brot steht seit jeher als Sinnbild für die Grundnahrungsmittel – und im übertragenen Sinne für unsere echten Grundbedürfnisse. Dabei ist es bezeichnend, wie Jesus diese Bitte formuliert. Er lehrt uns nicht zu beten: „Unseren täglichen Kuchen gib uns heute“ oder „Unsere tägliche Torte gib uns heute“. Es geht nicht um den Überfluss oder den Luxus, sondern um das nötige Brot. Es geht um das Wesentliche, das wir in unserem Alltag benötigen und das letztlich nur Gott allein abdecken kann.
Mit dieser Bitte legen wir Gott unseren konkreten Bedarf für den heutigen Tag hin: „Herr, du siehst, was heute auf mich zukommt, und ich erbitte das Nötige dafür von dir.“ Indirekt drücken wir damit eine tiefe geistliche Wahrheit aus, die uns im Alltag oft gar nicht bewusst ist: Weder du noch ich haben auch nur einen einzigen Tag unseres Lebens selbst in der Hand. Wir können im Grunde gar nichts kontrollieren. Dieses Gebet holt uns zurück in das Bewusstsein, wie sehr wir jeden einzelnen Tag auf Gottes Versorgung angewiesen sind.
Was alles zum „täglichen Brot“ gehört
Weil es um unsere gesamten Lebensgrundlagen geht, schließt das „nötige Brot“ ganz praktische Bereiche unseres Alltags ein:
- Kraft für das Tagewerk: Ob du zur Frühschicht oder zur Spätschicht fährst, ob du in der Ausbildung steckst oder deine Aufgaben zu Hause im Garten, in der Küche oder im Keller erledigst – du brauchst jeden Tag neu körperliche und innere Kraft. Darum zu bitten, heißt um das tägliche Brot zu bitten.
- Familie und Freunde: Die Menschen, in deren Mitte wir täglich gestellt sind, die uns unterstützen und begleiten, sind ein Teil dieser Versorgung Gottes, für die wir danken und beten dürfen.
- Die Gemeinschaft der Gemeinde: Stell dir einmal vor, es gäbe aus irgendwelchen Gründen plötzlich keinen Gottesdienst mehr. Wie schlimm wäre das! Auch die Bitte „Herr, erhalte uns die Gemeinschaft mit den Geschwistern und das gemeinsame Hören auf dein Wort“ gehört untrennbar zu dem, was wir als Christen zum Leben brauchen.
Bewahrung vor zwei gefährlichen Extremen
Wie weise diese Beschränkung auf das „nötige Brot“ ist, zeigt uns ein Gebet aus dem Alten Testament, das diese vierte Bitte aus dem Vaterunser fast wortwörtlich widerspiegelt:
„Armut und Reichtum gib mir nicht; nähre mich mit dem mir beschiedenen Brot, damit ich nicht aus Übersättigung dich verleugne und sage: ‚Wer ist der HERR?‘, und damit ich nicht aus lauter Armut stehle und mich am Namen meines Gottes vergreife!“
(Sprüche 30,8–9)
Hier sehen wir, warum wir genau um das richtige Maß bitten: Übermäßiger Reichtum birgt die Gefahr, dass wir satt und stolz werden, uns überheben und denken, wir bräuchten Gott gar nicht mehr. Bittere Armut hingegen kann uns in die Verzweiflung treiben, sodass wir auf falsche Wege geraten und Gottes Namen Schande machen. Die Bitte um das nötige Brot bewahrt uns vor diesen beiden Extremen.
Zudem liegt eine enorme Entlastung in dem kleinen Wort „täglich“ (oder „heute“). Wir beten nicht: „Herr, gib uns heute schon das Brot für morgen, übermorgen oder für die übernächste Woche auf Vorrat.“ Gott ruft uns in eine tägliche Abhängigkeit, die uns gleichzeitig von der Last der Zukunftssorgen befreit. Jesus selbst unterstreicht das in der Bergpredigt:
„Darum sorgt nicht für den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen! Es ist für jeden Tag genug an seiner eigenen Plage.“
(Matthäus 6,34)
Und einen Vers davor gibt er uns die Verheißung, die alles zusammenhält:
„Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden!“
(Matthäus 6,33)
Wir können unserem Leben durch Sorgen keine einzige Elle an Länge hinzufügen. Wie gut ist es da, einfach für das Heute zu bitten und den morgigen Tag in den Händen des Vaters zu lassen!
Die fünfte Bitte: „Und vergib uns unsere Sünden…“
So reichhaltig die Bitte um das Brot ist, so herausfordernd ist der nächste Satz, den wir heute zumindest in seinen Grundzügen betrachten wollen: „Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist.“
Hand aufs Herz: Das ist wahrscheinlich die schwerste Bitte im gesamten Vaterunser. Warum? Weil sie zwei Dinge miteinander verknüpft, die unserem menschlichen Stolz und unserem verletzten Herzen unheimlich schwerfallen:
- Gott aufrichtig um Vergebung zu bitten.
- Anderen Menschen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind.
1. Vor Gott ehrlich werden: Unser größtes Bedürfnis
Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Gott um Vergebung zu bitten? Weil wir dafür zugeben müssen, dass wir nicht perfekt sind. Ein echtes Glaubensleben beginnt genau an diesem Punkt. Es fängt damit an, dass ein Mensch erkennt: „Herr, du bist heilig – und ich bin es nicht. Mein Leben wird deinem heiligen Maßstab nicht gerecht.“
Das ist für viele eine gewaltige Hürde, aber es ist der Kern des Evangeliums. Es gibt für die gesamte Menschheit kein größeres Bedürfnis als die Vergebung der Sünden. Und Gott hat von seiner Seite aus bereits alles dafür getan: Er gab seinen eigenen Sohn Jesus Christus ans Kreuz, damit unsere Schuld bezahlt wird. Unsere Aufgabe ist es, auf seinen Ruf zu antworten und ehrlich zu bekennen: „Gott im Himmel, du hast recht. Ich habe ohne dich gelebt, wollte oft nichts von dir wissen und brauche deine Gnade. Bitte vergib mir!“
Auch wenn wir bereits als Christen mit Jesus leben, bleibt diese Bitte unser täglicher Begleiter. Während einer Vorstellungsrunde im Theologiestudium brachte das ein älterer Mitstudent einmal auf eine ziemlich krasse und bizarre, aber im Kern völlig treffende Weise zum Ausdruck. Als er an der Reihe war, seinen Namen zu nennen, fügte er ungefragt einen Nachsatz hinzu: „Ich heiße so und so – und ich bin ein elender Kotzbrocken.“
Alle im Raum lächelten und grinsten über diese derbe Wortwahl. Aber jeder wusste sofort, was er eigentlich damit ausdrücken wollte: „Aus mir selbst heraus tauge ich nichts vor einem heiligen Gott. Eigentlich müsste er mich verstoßen, aber aus reiner Gnade nimmt er mich an.“ Wie oft bleiben wir im Alltag hinter Gottes Maßstab zurück! Manchmal fängt es schon morgens direkt beim Aufstehen an, wenn wir mit schlechter Laune in den Tag starten. Auch das ist bereits nicht in Gottes Interesse. Deshalb beten wir jeden Tag neu: „Herr, vergib uns unser mannigfaltiges Zurückbleiben!“
2. Anderen vergeben: Zwischen Gnade und gesundem Selbstschutz
Nun kommt der zweite Teil des Satzes, die andere Seite der Medaille: „…denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist.“ Wo Menschen zusammenleben – ob in der Familie mit den Eltern und Geschwistern, auf der Arbeit mit Kollegen, mit den Nachbarn oder manchmal sogar mitten unter Christen in der Gemeinde –, da entstehen Reibungen, Schuld und tiefe Verletzungen. Fast jeder von uns trägt Schmerz mit sich herum, weil er vielleicht durch Worte oder Taten hintergangen wurde, weil Lügen verbreitet wurden oder üble Nachrede stattfand.
Was soll nun unsere Grundhaltung als Christen sein? Paulus fasst es im Epheserbrief klar zusammen:
„Seid aber gegeneinander freundlich und barmherzig und vergebt einander, gleichwie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“
(Epheser 4,32)
Unsere Grundeinstellung soll lauten: „Ich bin grundsätzlich vergebungsbereit, weil Jesus mir zuerst unendlich viel vergeben hat.“ Doch genau hier entsteht oft ein großes Missverständnis, das uns zusätzlich unter Druck setzt. Deshalb ist es lebenswichtig, sauber zu unterscheiden: Was ist Vergebung – und was ist Vergebung nicht?
- Vergebung heißt NICHT, Unrecht gutzuheißen: Es bedeutet keineswegs, einfach zu sagen: „Ach, alles halb so wild, lass mal fünfe gerade sein!“ Es heißt nicht, den Teppich hochzuheben, den ganzen Schmutz darunterzukehren und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Unrecht bleibt Unrecht.
- Vergebung heißt NICHT, sofort wieder blind zu vertrauen: Wenn Dinge tief sitzen, ist das Vertrauen oft zerstört. Vertrauen lässt sich nicht auf Knopfdruck verordnen, sondern muss – wenn überhaupt – über einen langen Zeitraum hinweg erst langsam wieder aufgebaut werden.
- Vergebung ist NICHT automatisch gleichbedeutend mit Versöhnung: Viele denken, wenn sie jemandem vergeben haben, müssten sie sofort wieder gemeinsam am Tisch sitzen und genau so weitermachen wie vor den schlimmen Vorfällen. Doch das wäre Versöhnung. Zur Versöhnung gehören immer zwei Seiten, und es gibt Situationen im Leben, da ist so viel geschehen, dass eine gemeinsame Fortsetzung des Weges schlicht nicht mehr möglich ist.
Was bedeutet Vergebung dann konkret? Vergebung bedeutet im Kern, die eigene Vergeltung an Gott abzutreten. Wenn dir jemand Böses getan hat, schlägst du nicht zurück. Stattdessen gehst du ins Gebet und sagst: „Herr, ich trete die Schuld, die dieser Mensch mir zugefügt hat, jetzt an dich ab. Du bist der gerechte Richter, kümmere du dich darum.“
Weißt du, warum dieser Schritt für dich selbst so enorm wichtig ist? Weil Vergebung dein eigenes Herz vor Verbitterung schützt! Wenn du nicht vergibst, hältst du den Schmerz und den Groll fest und wirst innerlich bitter. Wenn du dem anderen jedoch um Jesu willen vergibst, gibst du die Last ab und beschützt deine eigene Seele.
Im besten Fall führt das später auch wieder zu einer echten Versöhnung. Aber wenn das nicht möglich ist, dann darfst du – auch aus einem gesunden Selbstschutz heraus – eine klare Grenze ziehen. Du kannst im Gebet sagen: „Herr, ich vergebe diesem Menschen und wünsche ihm nichts Böses. Aber du siehst, dass wir nicht mehr zusammengehen können.“ Dann gilt der seelsorgerliche Grundsatz: Lieber gesund zwei verschiedene Wege gehen, als krank einen Weg zusammen. Halte dein Herz frei von Bitterkeit, indem du vergibst, aber hab auch den Mut zu gesunden Grenzen, wo Versöhnung nicht möglich ist.
Impulse zum Mitnehmen für deine Woche
- Prüfe deine Gebetsprioritäten:
Nutze das Vaterunser, um deine Wünsche zu ordnen. Nimm dir im Gebet zuerst Zeit für Gottes Ehre, bevor du deine eigene Einkaufsliste an Bedürfnissen vor ihm ausbreitest. - Lebe im „Heute“:
Wenn dich Sorgen über die nächste Woche oder das kommende Jahr überrollen wollen, kehre bewusst zur Bitte um das tägliche Brot zurück. Bitte Gott konkret um die Kraft für deine heutige Schicht, deinen heutigen Haushalt und deine heutigen Begegnungen – und überlass ihm das Morgen. - Bitte um das rechte Maß:
Danke Gott für die volle Versorgung, aber bitte ihn auch im Sinne von Sprüche 30 darum, dass dich dein Wohlstand nicht träge oder unabhängig von ihm macht. - Halte kurzen Prozess mit eigener Schuld:
Gewöhne dir an, nicht erst zu warten, bis sich ein großer Berg angestaut hat. Wenn du merkst, dass du schon morgens mit schlechte Laune gestartet bist oder lieblos reagiert hast, bitte Gott direkt um Vergebung und freue dich über seine Gnade. - Schütze dein Herz vor Bitterkeit:
Gibt es jemanden, dessen Worte oder Taten dich immer noch wütend machen? Tritt das Recht auf Vergeltung heute bewusst im Gebet an Gott ab. Vergib der Person vor Gottes Thron, damit dein eigenes Herz frei wird – auch wenn du im Alltag weiterhin eine gesunde Grenze zu diesem Menschen einhalten musst.
Abschluss & Einladung
Wenn du auf diese beiden Bitten zurückblickst – das tägliche Brot und die Vergebung: Welcher Bereich fordert dich gerade mehr heraus – das Vertrauen, dass Gott heute für alles Nötige sorgt, oder das Loslassen einer Verletzung, die dir jemand zugefügt hat?
Nimm diese Frage doch heute mit in dein persönliches Gebet und sprich das Vaterunser einmal ganz langsam und bewusst durch. Wenn du dir wünschst, über solche Lebens- und Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen, oder wenn du die im Beitrag erwähnte Gemeinschaft eines Gottesdienstes selbst erleben möchtest, laden wir dich von Herzen ein! Besuche uns gerne an einem der nächsten Sonntage in unserer Gemeinde. Du bist herzlich willkommen – wir freuen uns darauf, dich kennenzulernen!

Fragen und Antworten zur Predigt
Die Bitte um das tägliche Brot geht weit über den gefüllten Kühlschrank oder den geöffneten Bäckerladen hinaus: Sie umfasst alle wesentlichen Grundbedürfnisse unseres Alltags, wie etwa die tägliche Kraft für die Arbeit, Gesundheit, den Schutz der Familie sowie den Erhalt der christlichen Gemeinschaft im Gottesdienst, und macht uns bewusst, dass wir keinen einzigen Tag unseres Lebens selbst unter Kontrolle haben.
Jesus lehrt uns im Vaterunser bewusst, um unser „nötiges Brot“ zu bitten und nicht um „unseren täglichen Kuchen“ oder „unsere täliche Torte“, womit er unseren Blick auf das lenkt, was wir wirklich zum Leben brauchen, und uns – wie in Sprüche 30,8–9 beschrieben – vor den Gefahren von Überfluss und Übersättigung bewahrt.
Das Vaterunser hilft gegen Zukunftssorgen, indem es unseren Fokus durch das Wort „täglich“ strikt auf das Heute richtet; wir bitten Gott nicht im Voraus um das Brot für die nächste oder übernächste Woche, sondern vertrauen auf Jesu Zusage aus Matthäus 6,34, dass Gott uns genau heute mit allem Nötigen versorgt und der morgige Tag für das Seine sorgen wird.
Gott um Vergebung zu bitten erfordert die demütige Erkenntnis, dass wir nicht perfekt sind, sondern vor Gottes heiligem Maßstab versagen und seine Gnade brauchen – eine Hürde für den menschlichen Stolz, die jedoch den unverzichtbaren Startpunkt und den Kern des christlichen Glaubenslebens bildet.
Ja, denn auch als gläubige Menschen bleiben wir im Alltag täglich hinter Gottes vollkommenem Willen zurück – manchmal schon direkt nach dem Aufstehen durch schlechte Laune –, weshalb wir jeden Tag neu auf Gottes vergebende Gnade angewiesen sind.
Vergebung bedeutet nicht, erlittenes Unrecht kleinzureden oder gutzuheißen, sondern es ist die bewusste Entscheidung, auf eigene Rache und Vergeltung zu verzichten und die Schuld, die einem durch Worte oder Taten zugefügt wurde, im Gebet komplett an Gott abzutreten.
Nein, Vergebung bedeutet weder, die Vorfälle einfach unter den Teppich zu kehren, noch erfordert sie, einem Menschen sofort wieder blind zu vertrauen, da zerstörtes Vertrauen bei tief sitzenden Verletzungen oft erst über einen sehr langen Zeitraum hinweg wieder wachsen muss.
Während Vergebung eine einseitige Herzensentscheidung vor Gott ist, um die Schuld abzugeben, bedeutet Versöhnung die vollständige Wiederherstellung der Beziehung, bei der man wieder gemeinsam an einem Tisch sitzt – was im Leben jedoch nicht in jedem Fall möglich ist, wenn zu viel zerstört wurde.
In solchen Situationen gilt der Grundsatz, der Person im Gebet um Jesu willen zu vergeben, aber gleichzeitig aus gesundem Selbstschutz eine klare Grenze zu ziehen, denn es ist besser, gesund zwei getrennte Wege zu gehen, als krank einen gemeinsamen Weg zu erzwingen.
Wenn du einem Menschen vergibst und die Vergeltung an Gott abgibst, tust du das auch zu deinem eigenen Schutz, weil das Festhalten an Groll dich innerlich auffrisst, während Vergebung dein eigenes Herz wirksam vor Verbitterung bewahrt.








